Die Croissant-Fatwa

05.08.2013

5. August 2013

Ein österreichisches Boulevardblatt meldete am 5. August, im nicht von der Regierung gehaltenen Teil Aleppos sei eine Fatwa gegen „unsere Kipferl“, ein halbmondförmiges, mit Vanille angereichertes, Süßgebäck erlassen worden. Stimmt das?

 Die Quellen

Zieht man mögliche internationale Quellen zu Rate, so zeigt sich erstens, daß nirgendwo von österreichischen „Kipferln“ die Rede ist, sondern überall von „French Pastry“ oder Croissants– übrigens switcht der österreichische Text schon im nächsten Absatz  auch zur französischen Leckerei.

Man findet die Story als Erstes am 8.Februar 2013 bei ynet.news, bei der französischen Internetpräsenz von irib am 25. Juli, bei al-Arabiyya am 30. Juli; als erstes italienisches Blatt publiziert „Secolo d'Italia“, Parteizeitung der Berlusconi-Partei  „Volk der Freiheit“, die Geschichte ebenfalls am 30. Juli.

Die Washington Post bringt sie am 31. Juli, am 1. August steht sie bei „Daily Mail“, deren Star-Kolumnistin, Thatcher- und Fallaci-Fan, Melanie Phillips übrigens ein Schwergewicht in der internationalen „Counter-Jihad“-Szene istund sichgegen die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften und Homosexuelle überhaupt stark macht;  im niederländische Portal nujij, wie auch in der Internetpräsenz von RTL-France, steht sie am 1. August,die Huffington Post steigt am 1. August ein, am 2. nochmal, und legt sogar noch mit einem Video nach,  die Internetpräsenz der TIME bringt es auch am 2. August,  Asharq al-Awsat am 3. August,  am 4. August, auch jewsnews. Ja, und nicht zu vergessen: das größte, schönste und wichtigste Islamhasserportal in Deutschland brachte auch gleich am 30. Juli eine Übersetzung des al-Arabiyya-Eintrags.

 Und am 5. August werden in Österreich aus den Croissants halt Kipferln – zumindestens für eine gute Schlagzeile.

 Die Zugaben

Die Geschichte wird angereichert mit al-Qaidas schwarzer Flagge („Washington Post“), bei al-Arabiyya taucht das erste Mal der Begriff „colonial“ auf und das erste Mal ein Link auf den angeblichen Twitter-Post der Fatwa, schreibt aber auch, daß sich „einige Internet-Quellen“ bereits über die Fatwa lustig machten, und meinten, dass sie keiner in den syrischen Konflikt verwickelten Gruppe zuzuordnen sei, Daily Mail hat noch einen: Gefängnisstrafe für die, die wegen des Ramadan nicht fasten – garniert mit einem Bild der syrischen Opposition. Darüber, dass der Autor/die Autoren der Fatwa einer Legende aufgesessen seien, macht sich nicht nur TIME lustig, sondern auch jewsnews, Secolo d'Italia berichtet das auch, allerdings sachlich. HuffPost bringt die Geschichte mit der angeblich 1686 erfolgreich verhinderten Eroberung von Budapest durch die Türken in Zusammenhang – man kann schließlich nicht immer 1683 und die Türken vor Wien bemühen. Aber ansonsten ist es die gleiche Geschichte: ein nächtens backender Bäcker hörte Grabegeräusche...

Zusammengefasst kann man wieder einmal  sehen, wie die Presse – selbst die „Qualitätsmedien“– heute meistens arbeitet: einer schreibt vom anderen ab, jeder reichert die Geschichte nach eigenem Gusto an – selbst die „Leitmedien“. Und je öfter eine „Wahrheit“ verkündet wird, desto wahrer wird sie – und wer zweifelte schon an einer Geschichte, die von „Qualitätsmedien“ in aller Welt berichtet wird.

Ein Medium hebt sich allerdings ab: Ynet.news, die Internetpräsenz der israelischen Zeitung „Yediot Ahronot“ berichtet bereits am 8.Februar – als erste!

 Schlußendlich: die Fatwa

Huffington Post verlinkt auf einen Twitter-Eintrag eines – nicht weiter erklärten – Bloggers namens „Thabet_UAE“ aus AbuDhabi, der auch ein blog betreibt, das seit einem recht patriotischen Eintrag zum 40. Jubiläum des Zusammenschlusses der Emirate 2011 mit der Überschrift „Ein ewiges Band: Scheich Zayed und die Erschaffung (sic!) eines Landes“ nicht mehr weitergeführt wurde. „Thabet_UAE“ veröffentlicht die Fatwa auf Twitter. Dort steht auch das Datum der Herausgabe: 2. Ramadan 1434 bzw 12. Juli 2013!!! Da verneigen wir uns vor den investigativen Spürnasen und -näsinnen von Ynet.news, die die Geschichte über die Fatwa schon fünf Monate vor deren Veröffentlichung brachten. So geht investigativer Journalismus – oder etwa nicht? Nur der Vollständigkeit halber: von „kolonial“ steht nichts im Text. 

Kurz der Inhalt der Fatwa: Das Croissant ist ein Gebäck der Ungläubigen, seine Halbmondform symbolisiert den  Sieg der Christen über den Islam, der vor den Toren Wiens gestoppt wurde. Möglich war dies durch eine Verschwörung des Vatikan.

 Etwas vergessen?

Nur in vieren  dieser Veröffentlichungen - irib, WP, RTL und Secolo d'Italia - erfahren wir ein nicht ganz unwichtiges Detail: dass es sich eben nicht um eine „offizielle Fatwa“ – Daily Mail versucht genau diesen Eindruck mittels Einbinden eines entsprechenden Fotos zu erwecken - der „Syrischen Nationalen Koalition“ handelt, sondern dass sie möglicherweise ein weiterer Versuch der Machtausbreitung einer extremischen Gruppe handelt, namentlich Jabhat al-Nusra. (SNR? Eine säkulare Koalition stellt Fatwas aus? In der Tat eine „Neuerung“)

 Törööö...

Der ganze Unfug folgt dem bekannten Strickmuster: irgendein Schwachkopf hat was gesagt, und das mutiert dann zum hochoffiziellen Fatwa, so mit der – von Sabine Schiffer und Karim al-Gawhari recherchierten - seinerzeitigen Ente über einen angeblichen Imam in Ägypten, der angeblich einen Mordaufruf gegen das Dresdner Gericht erlassen habe, das Marwa el-Sherbiny nicht geschützt habe. Oder das angebliche „Todesfatwa aus der Umgebung von Präsident Mursi“: ein „Salafist und Mursi-Verbündeter“ habe wegen eines „islamkritischen Vortrags“ - in dem anscheinend Islam mit Faschismus gleichgesetzt wurde -  eine Fatwa erlassen. „Salafist“ und „Mursi-Verbündeter“ schließt sich aus, der deutsch-ägyptische Autor, der mittlerweile für so manches Islamische als „Experte“ angefragt wird, ist in Deutschland deutlich bekannter als in Ägypten, aber wenn's der islamkritischen Sache dient...

Dankenswerterweise hat sich Radio Wien der Sache angenommen (ORF hat den Inhalt dann auf ihre Homepage gesetzt) und den  Obmann der Initiative muslimischer Österreicher_innen, den gebürtigen Syrer Tarafa al-Baghajati, dazu befragt: Baghajati belegte seinen Fälschungsvorwurf mit der Nicht-Befolgung auch der mindesten formalen Kriterien für eine Fatwa: „Eine Fatwa muss von einem bekannten Gelehrten mit Namen und Adresse bekanntgegeben werden. Diese kolportierte Fatwa stammt von einem Abu Muhammad. Das ist nicht einmal ein Name, sondern die Bezeichnung, dass er der Vater von Mohammed ist. Davon gibt es Millionen in der arabischen Welt“, sagt Baghajati. Und  weiter:  "Das Problem ist es, Brot zu kaufen. Ein Kilo Brot kostet fast ein ganzes Monatsgehalt. Die Diskussion mit dem Thema ist ein unglaublich zynischer Umgang mit den Notleidenden in Syrien“ .

 Und der Kaffee, die Kipferln und die Croissants?

Das muss jetzt schnell erzählt werden: „Kipferln“ werden als traditionelles Gebäck im österreichischen  Raum schon Anfang des 13. Jahrhunderts erwähnt.

Die erste Erlaubnis für den Ausschank von Kaffee – mit 20 Jahren Monopol darauf - erhielt der armenische Kaufmann Johann Diodato (Owanes Astouatzatur) am 17. Januar 1685, übrigens wie alle „Balkanorthodoxen“ in den Unterlagen als „Griech“ bezeichnet. Er hatte versucht, nachdem Kaiser Leopold 1669 die Juden vertrieben hatte, an deren Stelle den Silbernachschub ins Habsburgerreich zu organisieren, was allerdings nicht ganz gelang. Im Jahr 1700 hätten schon vier „Griechen“ die Erlaubnis gehabt, „Caffée offentlich auszuschäncken“ wie eine Wiener Magisterarbeit 2006 erwähnt. Diodato wurde, als „Pionier der Wiener Kaffeehaustradition“ 2004 als Namensgeber eines kleinen Parks im Wiener 4. Bezirk geehrt.

Das Croissant wurde erstmals 1837 angeboten und gehörte in Frankreich zunächst zu den „viennoiseries“, den durch irgendeine Besonderheit aufgewerteten Backwaren; zwei Österreicher hatten in Paris eine „Boulangerie Viennoise“ eröffnet – auch in Deutschland gibt es bis heute „Wiener Bäcker“. Einer der Beiden,  August Zang, habe die Kipferl zum Croissant weiterentwickelt. Wen interessiert da schon, daß Zang aktiv in die 1848er Revolution eingriff, die heute noch bestehende „Presse“ gründete, und als Begründer des österreichischen Journalismus gilt – der „heute.at“ ins Stammbuch.

Die Legende vom aufmerksamen Bäcker in Wien/Budapest erschien das erste Mal im Larousse Gastronomique von 1938. Mittlerweile gilt das Croissant als so französisch wie der Eiffelturm. (D.S.)

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