Nachrichtenticker: Archiv 2013

Zahran Alloushs Vision eines neuen Umayyaden-Reiches

19.12.2013

 

Die Jabha an-Nusra griff das Hauptquartier der FSA (Freie Syrische Armee) bei Bab al-Hawa an und eroberte das Waffendepot. Gen. Salim Idris, Chef der FSA flüchtete in die Türkei. Die Stimmen in den USA und der Opposition, die sich nach gemäßigten islamistischen Bündnispartner umsehen, mehren sich. Man sieht, dass mit dem säkularen Bündnisparter FSA, nicht mehr viel zu gewinnen ist.

Schon kurz nach Gründung der Jabhat an-Nusra wurde sie von den USA auf die Terrorliste gesetzt.  Von Teilen der Opposition wurde das gar nicht gebilligt, hatten sie doch gleich bemerkt, dass die FSA längst nicht so moderne Waffen hatten und an Kampfgeist fehlte es den Islamisten ebenfalls nicht. Hatte man anfänglich Vertrauen, dass die Anzahl der aus der Syrischen Armee Desertierenden zunimmt, wurde man dann doch enttäuscht.  Die Opposition hatte die Teilnahme der Jihadisten anfänglich heruntergespielt –  von vereinzelten Islamisten war die Rede, die nicht ernst zu nehmen seien, - doch als es nicht mehr zu leugnen war, kam die Argumentation: Je mehr Gruppen das Regime bekämpfen, desto besser.

Aber immer noch wurde das Thema Islamisten von führenden Oppositionellen, wie Basma Qodmani oder Radwan Ziyadeh, heruntergespielt, um den US-Bündnispartner nicht zu erschrecken. Ihre Anzahl sei minimal, ein paar Prozent nur, hieß es.

Aber mit Beginn des Zerfalls der FSA (nur zwei deutschsprachige Zeitungen thematisierten dies: Der Standart (Wien) und die NZZ) sprach man in den USA und Exilopposition (genannt 5 Sterne Opposition) von guten und bösen Islamisten. Asaad Abu Khalil spottete, ob die USA jetzt einen al-Qaida-Reformisten aus der Tasche zaubern würden mit dem man ein Bündnis eingehen könnte. Die Flucht des Chefs der Freien Syrischen Armee, Salim Idriss, in die Türkei machte die Schwäche der FSA noch einmal deutlich.  Liebäugelt man – wie einige Journalisten vermuten – mit Zahran Alloush (Islamische Front), der angeblich mit 45 000 Mann die stärkste Miliz führt? Aber…was ist der Unterschied zwischen al-Qaida und der Islamischen Front?

Was die Ideologie Zahran Alloushs betrifft…so kann sie bei den vielen unterschiedlichen Religionen und Ethnien in Syrien eigentlich nur ein Kopfschütteln hervorrufen.  Im blogg  Syria Comment schreibt Joshua Landis darüber: Alloush will die „Raafida“ (gemeint sind die Schiiten) bekämpfen und die Herrschaft der Umayyaden wieder errichten (sie herrschten in Syrien von 657-750, später noch in Andalusien). Während seiner in einem Video aufgezeichneten Rede wird im Hintergrund ein umayyadisches Wüstenschloss (Qasr al-Heir al-Sharqi) in der syrischen Wüste gezeigt, ein deutliches Zeichen für eine antischiitische Propaganda. ((Ali Ibn Abu Talib, der 4. Kalif, wurde 661 ermordet. Damit war der Weg frei für Muawiya als Kalif und 1. Umayyadenherrscher in Damaskus. Entscheidend war allerdings die Schlacht zwischen dem Heer Muawiyas und dem Heer Ali Ibn Abu Talibs bei ALeppo 657. Ali ibn Abu Talib gilt als der 1. Imam der Schiiten.))Die Nusayris (die Alawiten in Syrien), die vorislamische Religion des Ahura Mazda und der Zarathustraglaube in Persien, das alles hakt er ab unter dem abwertenden Begriff „Majous“ (darunter müssten auch die Drusen fallen). Der Slogan „Zurück zum Umayyadenreich“ zeigt die Geisteshaltung von Alloush. Landis: “Arabische Christen benutzen dieses Substantiv als Bezeichnung für die Heiligen drei Könige: Die Magier aus dem Orient.“ Für Alloush haben die Schiiten und Alawiten die falsche Religion, aber nicht nur das, sie haben auch die falsche Ethnizität: Sie sind keine Araber sondern Crypto-Iraner.

Al-Qaida und die Islamische Front, beide rufen die ausländischen Jihadisten auf, nach Syrien zu kommen, beide benutzen die Schwarze Flagge des Islam und nicht die syrische Flagge der Opposition. Angeblich ist die Islamische Front von Syrern dominiert (in ihrer Rhetorik ist das jedoch nicht festzustellen) und die ISIS von Irakern.

Mitte Dezember gab es heftige Kämpfe in Maskana (Rif Aleppo) zwischen ISIS (Jihadisten: Der Islamische Staat im Irak und Syrien) und der Gruppe Ahrar ash-Sham, die den kuwaitischen Scheikh Hajjaj Ben Fahd al-Ajami zum Eingreifen veranlassten. Al-Ajami ist der prominenteste Unterstützer und Geldgeber von islamistischen Organisationen – hauptsächlich von Ahrar ash-Sham. Laut der libanesischen Tageszeitung As-Safir vom 19.12. ist Scheikh al-Ajami  - in Kooperation mit dem der ISIS nahestehenden Saudi Scheikh, Abdulhajj al-Moheisni , unterwegs um zwischen den beiden Gruppen zu vermitteln.  Über den Inhalt der Gespräche zwischen dem Chef der Ahrar ash-Sham, Hassan Abud, und dem  „Herrscher von Aleppo“ von ISIS, Abu Athir al-Ansari, ist noch nichts an die Öffentlichkeit gedrungen.  

Immer noch keinen jihadistischen „reformerischen“ Islamisten gefunden? Bei einem Treffen der “Freunde Syriens” in London wurden Repräsentanten der Syrischen Koalition informiert über die neue politische Linie – die absehbar war: “We cannot allow Al-Assad to leave now because we believe that the Islamic fighters and chaos will prevail over Syria.” (libanesische Tageszeitung an-Nahar, 19.12.)

inamo-Meldung

Rücktritt Abdel Bari Atwans

15.12.2013

 

Der ehemalige Chefredakteur und Leitartikler Abdel Bari Atwan von der in London herausgegebenen Tageszeitung Al-Quds al-Arabi (siehe: “In saudischer Tasche” - Abdel Bari Atwan und Jihad Khazen über den saudischen Einfluss auf arabische Medien, in: inamo Nr. 12, Winter 1997), sagte gegenüber “Electronic Intifada”, dass Druck auf ihn ausgeübt wurde, damit er zurücktrete. „Sie mochten die politische Linie meiner Editorials nicht“. Er trat nach 25 Jahren als Chefredakteur im Juli 2013 zurück.  „Ich bekam eine gute Summe Geld angeboten. Ich konnte jedoch die Gehälter meines Teams nicht zahlen….Ich hätte weitermachen können, wenn ich ihre neue politische Ausrichtung im Editorial akzeptiert hätte.” Ob Qatar Al-Quds al-Arabi aufgekauft hat, dazu wollte sich Atwan nicht äußern. Als er die Zeitung verließ, sagte er nur, dass “events and the requirements of third parties” ihn gezwungen hätten zu gehen.

In http://www.bariatwan.com/english/?p=2000steht ein längeres Interview mit Abdel Bari Atwan (5.12.2013)

Abdel Bari Atwan gründete am 2. September eine internet Plattform, ein neues Projekt: „Rai al-Youm“. „Wir machen eine globale Zeitung, eine Diasporazeitung“.

Bezüglich der Geldangebote, die Atwan von Golfstaaten bekommen hat, sagte er nichts. „Sie wollen, dass es geheim bleibt, deshalb sage ich nichts.“ EI: Wollten sie Sie zum Schweigen bringen? Bari Atwan: „Natürlich, auf mich wurde Druck ausgeübt, damit ich Al-Quds al-Arabi verlasse, sie mochten die politische Linie meiner Editorials nicht.“ Sie, heißt: „Golfländer, Zionistische Organisationen, Arabische Geheimdienste usw. Die Syrer drohten mich zu töten, weil ich ihre Menschenrechtsverletzungen kritisierte, der jordanische Geheimdienst bedrohte mich ebenfalls.“

Zur Lage in Palästina sagte Abdel Bari Atwan: “Unsere Kuffiya war die Flagge jeder revolutionären freien Bewegung. Jetzt redet keiner mehr über uns. Es ist unser Fehler. Es ist der Fehler von Abbas, es ist der Fehler von Fatah. Wir sind Gefangene unserer Gehälter, die monatlich gezahlt werden. Es macht mich krank darüber zu reden. Es macht mich depressiv.” EI: “Gibt es etwas, was ihnen Hoffnung macht?“ Atwan: „Wenn ich ehrlich bin, Nein. Vielleicht gibt es einmal eine neue Generation mit neuen Ideen. Ich will keinen mehr sehen von der PA. Wenn sie nach London kommen, versuche ich sie nicht zu treffen, sonst explodiere ich (vor Wut).“

Der Begin-Prawer Plan ist vorerst vom Tisch

14.12.2013

Der Begin-Prawer-Plan, der die Vertreibung von über 40 000 Beduinen von ihrem Land im Negev/Naqab vorsah, ist nach heftigen Debatten in der Knesseth und nach vielen Demonstrationen auf beiden Seiten der Grünen Linie und in einigen Ländern, vorerst vom Tisch.. Die Organisation „Jewish Voice for Peace“ warnt allerdings davor, dass dieses Thema endgültig vom Tisch sei. Denn dadurch würden die Beduinen nicht zu gleichwertigen Bürgern Israels. Ihre Landansprüche würden nicht unterstützt. Die „nichtanerkannten“ Dörfer würden immer noch nicht anerkannt. Grundlegende Soziale Dienste würden ihnen immer noch nicht zustehen. Auch die Infrastruktur dieser Dörfer würde dadurch nicht besser. Wasser, Abwasser, Elektrizität, keine Genehmigung zum Hausbau bzw. Hauskauf – es gibt noch nicht einmal Genehmigung für den sanitären Ausbau. Viele Beduinen-Unterkünfte und Dörfer sind immer noch für die Zerstörung vorgesehen. Das Dorf Araqib wurde mehrere Male zerstört, aber immer wieder aufgebaut.  (Rabbi Alissa Wise, Jewish Voice for Peace)

Marokko: Kritikern von Mikrokrediten droht schwere Haftstrafe

13.12.2013

 

Anfang des Jahres waren sie noch in erster Instanz freigesprochen worden: die Bürgerrechtler Amina Morad und Benacer Smaïni. Die beiden Vertreter der "Association de Protection Populaire pour le Développement Social" (Schutzvereinigung für die soziale Entwicklung) setzen sich seit Anfang 2011 für Tausende Opfer von sogenannten Mikrokrediten insbesondere in der südmarokkanischen Provinz Ouarzazate ein. Unter anderem überredeten sie sie, ihren Kreditverpflichtungen nicht mehr nachzukommen, und reichten Klage wegen unredlicher Geschäftsbedingungen gegen die Mikrokredit-Banken ein. Stattdessen wurden sie im Gegenzug selbst wegen "übler Nachrede" vor Gericht gezerrt. Trotz des ursprünglichen Freispruchs ließ die Mikrokredit-Lobby jedoch nicht locker und erwirkte eine Neuaufnahme des Prozesses, in dem nun am 17. Dezember das Urteil verkündet werden soll. Dabei droht den beiden Aktivisten eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren ohne Bewährung.

Zwar gelten Mikrokredite seit der Vergabe des Friedensnobelpreises an ihren Vorkämpfer Muhammad Yunus 2006 weithin als etwas Unterstützenswertes. Im Zeichen der weltweiten Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise, die auch Marokko voll im Griff hält, haben sie sich aber vollends zu einer Methode entwickelt, den Armen gewissermaßen noch das letzte Hemd zu rauben und sie in einer ausweglose Spirale der Verschuldung zu stürzen. Opfer der Kreditvergaben zum Teil zu Wucherbedingungen sind dabei zumeist Frauen - die oft nicht einmal lesen und schreiben können. Früher konnten sie sich durch den Tourismus und die Filmproduktion in Ouarzazate ein bescheidenes Auskommen verdienen; beides hat aber in der jüngsten Zeit nachgelassen, wie auch Preise etc. empfindlich gestiegen sind. Marokko unterzieht sich gerade einer Crashkur durch die internationalen Finanzinstitutionen, durch die sich die soziale Lage bedrohlich zugespitzt hat.

Um eine Verurteilung von Morad und Smaïni zu verhindern, ruft ATTAC nun dazu auf, Protestbriefe unter anderem an das marokkanische Justizministerium, die Provinzverwaltung und den Gerichthof in Ouarzazate zu schreiben. Nähere Informationen und Musterbriefe auf der Internetseite der Globalisierungskritiker.

http://blog.attac.de/politische-unterdruckung-in-marokko/

http://blog.attac.de/wp-content/uploads/2013/12/Mikrokredite-in-Marokko-2.pdf

http://badiltawri.wordpress.com/2013/11/27/campana-por-la-liberacion-de-los-presos-politicos-en-marruecos-informaciones-6-25-de-noviembre-de-2013-cgt-norte-de-africa/

https://www.mamfakinch.com/attaccadtm-soutient-les-victimes-des-micro-credits-a-ouarzazate/

https://fr.lakome.com/index.php/maroc/1084-maroc-nous-ne-rembourserons-pas-degage-micro-credit-degage

Jihadisten greifen den Sitz des Militärrats der FSA an

13.12.2013

13.12.2013//Wie verschiedene Medien berichten, haben Rebellen der Nusra-Front und von ISIS (Islamischer Staat in Irak und Syrien) der "Freien Syrischen Armee" (FSA) einen empfindlichen Schlag erteilt. Anfang der Woche sollen sie nicht nur mehrere Waffenlager der vom Westen unterstützten Oppositionellen-Miliz erobert haben, sondern auch das Hauptquartier im nordsyrischen Bab Al-Hawa unweit der türkischen Grenze. Der Chef der FSA und Mitglied des Militärrats der , General Ingenieur Doktor Salim Idriss, habe die Flucht nach Doha/Qatar ergriffen. Aussagen der FSA selbst zufolge verhandele er aber gerade mit den gegnerischen Rebellen, die sich zu einer "Islamischen Front" zusammengeschlossen haben.

Demgegenüber führen anderslautende Quellen weiter aus, dass die FSA sich in rapider Auflösung befinde. Teile derselben sollen sogar davor stehen, sich wieder den Regierungstruppen anzuschließen. Welche Auswirkungen dies auf die für Januar geplanten Verhandlungen hat, ist noch nicht abzusehen. Ihr Standbein in Syrien selbst dürfte die vom Westen favorisierte Exilopposition in jedem Fall verloren haben.

Mit den Waffenlagern sind den Jihadisten auch jüngste Lieferungen der USA, eigentlich exklusiv für die FSA bestimmt, in die Hände gefallen. Nähere Angaben dazu gibt es aber gegenwärtig nicht. Hinter den Kulissen sollen westliche Kräfte (zusammengeschlossen unter dem euphemistischen Namen "Freunde Syriens") intensiv auch mit den Jihadisten verhandeln. (mideastwire.com - inamo)